Evangelische Kirchgemeinde Felben

Wieso sollen Gottesdienste immer noch nicht möglich sein? (Gedanken zum Lockdown)

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Es brodelt in der Pfarrerschaft: Restaurants, Fitnessstudios, Coiffeure dürfen unter Einhaltung der erforderlichen Schutzmassnahmen wieder öffnen. Wieso dürfen aber die Kirchen hier in der Schweiz nicht öffnen? Sind wir nicht mehr system- oder lebensrelevant für unsere Schweizer Landesreigerung? Traut uns niemand zu, dass auch wir die Bevölkerung wirkungsvoll schützen können? Und noch schlimmer: Wieso hat der Bundesrat nicht zum Gebet angesichts dieser Seuche aufgerufen? - Dazu kritische Predigtgedanken und ein Appell an den Bundesrat, den ich auch unterzeichnet habe, von zwei von mir sehr geschätzten Pfarrkollegen, Pfr. Dr. Christian Herrmann (Gachnang) und Pfr. Dr. Bernhard Rothen (Hundwil), die ich gerne hier mit Ihnen teile.
Dirk Oesterhelt,
Predigtgedanken von Pfr. Dr. Christian Herrmann (Rogate, 17. Mai 2020):

Liebe Gemeinde, in den letzten zwei Monaten fiel mir etwas Eigenartiges auf. Eigenartig vielleicht nur für mich, doch in Gesprächen mit Mitgliedern aus unserer Gemeinde, merkte ich, dass ich nicht der Einzige bin, dem dies auffiel. Es bewegt auch noch andere Menschen. Mir fiel nämlich auf, dass in den Nachrichten, in denen uns von der Obrigkeit unser Verhalten in der Coronazeit vorgegeben wurde, nicht ein einziges Mal die Bitte vorkam, dass uns Gott in dieser schweren Zeit beistehe und uns die nötige Kraft und den nötigen Verstand gebe, um diese wirklich ausserordentliche Zeit gut zu überstehen. Ich glaube, es war uns Menschen in der Geschichte der Menschheit noch nie so bewusst wie jetzt, dass wirklich alle Menschen auf unserem Erdball von einer einzigen Gefahr global bedroht werden, einer Gefahr, die nicht durch menschliches Versagen verursacht wurde, sondern die einfach so, plötzlich, wie aus dem Nichts da war und ein Menschenleben nach dem anderen hinwegraffte. Kein einziges Mal hörte ich von einem unserer Bundesräte, von Herrn Koch oder den Vertretern der verschiedenen Wirtschaftszweige die Bitte: „Möge Gott der Menschheit aus dieser Situation heraushelfen, um wieder ein normales Leben führen zu können. Möge er uns den Verstand und die Weisheit dazu schenken, einen Impfstoff zu finden, um aus dieser Sackgasse wieder heraus zu finden“. Ist es eventuell die political correctness, die dazu führt, ja keinen religiösen Gedanken ins Spiel zu bringen, es könnte ja vielleicht irgendjemanden, der anders denkt, in seinen Gefühlen verletzen? Oder ist es die Überzeugung, die Menschheit brauche das Gebet nicht mehr, da der Mensch alles allein und aus eigener Kraft auf die Reihe bringt? Das würde bedeuten, dass die Aufforderung aus dem 1. Timotheusbrief „Ich ermahne euch nun zuallererst Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen für alle Menschen darzubringen“ nicht mehr zeitgemäss ist und in unserer Gesellschaft keine Bedeutung mehr hat. Ist sie überholt, ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert? Ist die Aufforderung aus dem Schweizerpsalm „Betet, freie Schweizer, betet!“ wirklich nur noch in unserer Nationalhymne zu hören, bewegt aber unsere Herzen nicht mehr? Überhaupt war es in den vergangenen zwei Monaten äusserst ruhig um die Kirchen. Es stellte sich nie die Frage – wie bei den Restaurants, den Coiffeuren, den Tattoo- und Nagelstudios, den Fitnesscentern und anderen – wann können nun endlich wieder Gottesdienste gefeiert werden, um uns in der Gemeinde wieder zu sehen und in unseren Kirchen wieder gemeinsam miteinander zu singen, zu beten und über die Bibel nachzudenken. Es fiel mir auf, dass das Gesundheitspersonal, die Psychiaterinnen und Psychologen von der Obrigkeit ganz besonders in die Pflicht genommen wurden. Von der Seelsorge der Kirchen wurde dieses nicht verlangt, obwohl sie in jedem kleinen Ort durch die Pfarr ämter vertreten sind. Schulen, Verbände aus der Sportwelt und Wirtschaftsverbände kamen durch ihre Vertreter/innen zu Wort und sprachen häufig auch ein Wort des Trostes. Erwarte ich zu viel, wenn ich mir wünsche, dass EKS-Präsident Pfr. Gottfried Locher in Bezug auf die ausgefallenen Gottesdienste auch einmal ein Wort des Trostes zu uns gesprochen hätte? Wenn er uns Pfarrpersonen dazu ermutigt hätte, nicht nur über das Telefon oder eine im Fenster angezündete Kerze Seelsorge auszuüben, sondern durch aktive Besuche unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsvorschriften bei vereinsamten Menschen? Wie wichtig solche Besuche in dieser Zeit der aufgezwungenen physischen Distanz sind, erfuhr ich selber in meiner Gemeinde. Man sprach von der Strasse durchs Fenster oder die Haustüre miteinander, im Garten oder auf der Terrasse, man munterte sich auf, wünschte sich gegenseitig Gottes Segen oder betete miteinander. Fast jeder Besuch war für mich wie ein kleiner Gottesdienst. Einerseits merkte ich, wie gross das Bedürfnis nach religiöser Betreuung in unserer Bevölkerung doch ist und wie dankbar die Menschen für einen Besuch sind, andererseits schien aber gerade diese Betreuung der Seele durch die Kirchen nach aussen hin nicht präsent zu sein. In allen Nachrichten der vergangenen zwei Monate fragte kaum ein Journalist, wann denn wieder die Kirchen für öffentliche Gottesdienste geöffnet werden. Viel mehr interessiert es offensichtlich, wann der Fussball wieder starten kann, wann die Restaurants und die Coiffeure öffnen, wann die Sportverbände wieder aktiv werden können. Ich habe immer mehr den Eindruck, dass die christlichen Kirchen unsere Gesellschaft kaum noch mitprägen und unwillkürlich fiel mir das Lied aus meiner Jugendzeit von Joan Baez ein, wo es heisst: „Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Was ist geschehen?“
In der vergangenen Woche wurde jeden Abend in den Nachrichten ein Bericht gesendet, wie Zeitzeugen das Ende des zweiten Weltkrieges im Mai 1945 erlebten. Dabei hat mich sehr berührt, dass einer der Zeitzeugen – er sei damals 12 Jahre alt gewesen – sich daran erinnerte, dass man auf den Frieden sehnsüchtig wartete und jeden Tag Gott darum bat, den Krieg endlich aufhören zu lassen. Und als es dann soweit war, da seien am folgenden Sonntag die Kirchen voll gewesen und man habe Gott für den Frieden gedankt (nicht den Amerikanern oder den Engländern). Und wie sieht das heute aus? Ich glaube, dass die Kirchen in einem Monat, wenn die sozialen Verhaltensregeln etwas gelockert werden und wir eventuell wieder Gottesdienste feiern können, wahrscheinlich noch leerer sind als vorher. Oder denke ich da zu pessimistisch?


Appell von Pfr. Dr. Bernhard Rothen an den Bundesrat
:
An den Bundesrat
der Schweizerischen Eidgenossenschaft

Gegen die fortdauernde Entmündigung unserer Gemeinden

Sehr geehrte Frau Bundespräsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren im Kollegium des Bundesrates,
in den vergangenen Wochen haben wir die Anordnungen des Bundesrates zur Eindämmung der Seuche loyal mitgetragen und gegen Kritiker verteidigt. Dies in einem so hohen Mass, dass Aussenstehende uns vorgeworfen haben, dass die Kirchen ihren Glauben verleugnen und vor der Vergötzung der Gesundheit einknicken. Wir halten gegenüber diesen Kritikern noch immer daran fest, dass es zu unserer pastoralen und theologischen Verantwortung gehört, dem Glauben und der Vernunft je ihr Recht zu geben, und dass es im Umfeld einer hochentwickelten Gesellschaft zu unserer Amtspflicht gehört, unseren Teil dazu beizutragen, dass die Anweisungen der Gesundheitsbehörden die ihnen gebührende Beachtung finden.
Vor allem aber sind wir nun dankbar, dass die Seuche unser Land nicht in einem so verheerenden Mass getroffen hat, wie viele Experten das befürchtet haben. Dabei ist uns bewusst, dass es einen sehr langen Atem brauchen wird, um einen Rückschlag zu verhindern und die schwerwiegenden Folgen der behördlichen Massnahmen zum Guten hin fruchtbar zu machen.
Umso unverständlicher ist uns, dass der Bundesrat nun ein fatales Signal in unsere Dörfer und Quartiere sendet. Er erlaubt den Wirtshäusern und Restaurants, dass sie wieder Gäste bedienen, und verbietet es gleichzeitig den Kirchgemeinden, dass sie zum Gottesdienst einladen dürfen. Das dokumentiert eine Geringschätzung des Verantwortungsbewusstseins unserer Gemeinden, die nichts Gutes für die Zukunft verheisst.
In unserem Land hat jeder Mensch die religiöse Freiheit, dass er bekennen darf:
„Ich lebe, wie es mir gefällt und liebe, wen ich will.
Denn ich habe nur dieses eine Leben.“
Aber es hätte niemals geschehen dürfen, dass das Bundesamt für Gesundheit offiziell dafür wirbt, dass alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes in dieses Glaubensbekenntnis einstimmen und dem Glauben an ein ewiges Leben absagen (wie es in der lovelife-Kam pagne geschehen ist). Und es darf auch nicht sein, dass der Bundesrat den Gottes dienst der öffentlich-rechtlich verfassten Kirchen, in dem der Glaubensmut und die Opferbereitschaft von vielen Generationen vergegenwärtigt wird, wie ein Freizeitangebot behandelt.
Für uns Pfarrerinnen und Pfarrer ist es beschämend, dass man uns und unseren Kirch-gemeinden nicht zutraut, dass wir klare Vorgaben der Behörden mit Umsicht, Zurück-haltung und Phantasie umsetzen können, sondern uns mit einem generellen Verbot entmündigt. Das ist umso unverständlicher, als uns bewusst ist, vor was für schwierigen Aufgaben die Wirte und Verkaufslokale stehen: Sie müssen Kunden bedienen, die erwarten dürfen, dass ihre Bedürfnisse befriedigt werden. Demgegenüber sind die Kirchen Institutionen, zu deren Rechten und Pflichten es gehört, auch Verhaltensweisen einzuüben, die keinem Bedürfnis, sondern einer höheren Notwendigkeit entsprechen. Es scheint uns sehr kurzfristig gedacht, wenn die Türen zu diesem kostbaren Erbe versperrt bleiben.
Die Kirchen mögen nicht relevant sein in den Systemen, die sich Theoretiker ausdenken und Medienschaffende zu abstrakten Denkmustern verfestigen. Doch die Bereitschaft, gemeinsame Lasten solidarisch mitzutragen, der Mut zur Innovation und die Fähigkeit, sich an Erfolgen anderer neidlos zu freuen, sind keine Produkte, die vom Fliessband einer Wohlstandsgesellschaft fallen. Sie sind im Kommen und Gehen der Generationen gepflanzt, kultiviert und je wieder erneuert worden, und dabei hatten die Kirchgemeinden einen wesentlichen Anteil. Wo, wenn nicht auch in den Gottesdiensten der Kirchen, soll die differenzierende Anteilnahme, die Bereitschaft zum Verzicht und die Geduld zum Durchhalten gepflegt werden, die nötig sein werden, um die Folgen der Seuche zu bewältigen?
Deshalb bitten wir Sie dringend, den Kirchgemeinden ihre von der Verfassung garantierten Rechte der Kultus- und Versammlungsfreiheit sofort wieder zurückzugeben. Als Behörde dürfen – und sollten! – Sie es den Kirchgemeinden zutrauen, dass sie die Vorgaben, die ihnen die Gesundheitsämter machen, mit Umsicht, Verantwortungsbewusstsein und lokalem Augenmass umsetzen. Nicht die Bevölkerung soll dem Bundesrat helfen, sondern der Bundesrat soll der Bevölkerung helfen, damit wir gemeinsam die Seuche zurückdrängen und am Ende hoffentlich besiegen können!
Gerne versichern wir Ihnen, dass wir mit unseren Gemeinden auch in Zukunft für Sie beten und unseren Gott um Weisheit und ein gnädiges Geleit in ihrer Regierungsverantwortung bitten werden.
Mit bestem Dank, dass Sie uns Gehör schenken, guten Wünschen für Ihr Amt und freundlichen Grüssen

Pfr. Dr. Bernhard Rothen



Bereitgestellt: 21.04.2020     Besuche: 3 heute, 92 Monat
 
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